Trafo-Schwertransporte nach Krauthausen

Aus Historisches
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Schon seit Eröffnung der Strecke Jülich – Düren gab es in Krauthausen einen Bahnhof, wo sich Züge begegnen konnten. Mitte der 1960er Jahre wurde der Bahnhof "rationalisiert", sprich: Das Begegnungsgleis und die zugehörigen Ein-/Ausfahrsignale wurden abgebaut, die handbetätigte Bahnschranke über die Pierer Straße Richtung Hambach und Niederzier wurde durch eine automatische Blinklicht-Anlage ersetzt, und der örtliche Fahrdienstleiter und Fahrkartenverkäufer konnte eingespart werden.

Das Gütergleis an der Kopfstein-gepflasterten Ladestraße indes blieb erhalten, von Düren aus verkehrte eine sogenannte Übergabefahrt, die einzelne Güterwagen nach Huchem-Stammeln und/oder Krauthausen brachte. (Zwischen Krauthausen und Jülich fuhren in den 1970er Jahren fahrplanmäßig keinerlei Güterzüge, Jülich und die umliegenden Orte wurden direkt von Stolberg aus "versorgt" – siehe Artikel "Knotenpunktsystem".) Der Einzelwagen-Güterverkehr blieb in Krauthausen bis 1988 bestehen, letzter verbliebener Kunde war die nahegelegene Getränkegroßhandlung Gareis, die zuletzt etwa alle drei Wochen einen G-Wagen mit Bier aus Kulmbach zugestellt bekam. (Foto davon z.B. bei Wikipedia: Güterwagen und Personenzug 1988 in Krauthausen)

Doch für Krauthausen hatte man buchstäblich größere Pläne. Denn 1964 ging nur 3 km entfernt beim Weiler Berg die Umspannanlage Oberzier in Betrieb. Sie diente zunächst der Verbindung des sogenannten Westreviers (insb. Braunkohle-Kraftwerk Weisweiler) mit der großen Fernleitung Sechtem (bei Bonn) – Kelsterbach (bei Frankfurt), welche als erste deutsche Fern-Stromleitung schon in den 1920er Jahren als Teil der Strom-Austausch-Verbindung zwischen rheinischen Braunkohlekraftwerken und Schwarzwälder/alpiner Wasserkraft errichtet worden war. 1967 wurde die Hochspannungsleitung Oberzier – Maasbracht (Niederlande) sowie mehrere lokale Abzweige erbaut, so dass sich Oberzier zu einer Art Rangierbahnhof (oder Autobahnkreuz) im Stromverkehr gemausert hatte. Die Leitung Maasbracht – Oberzier – Kelsterbach gehörte und gehört bis heute zu den relativ wenigen Strecken, die mit der damals höchsten in Deutschland verwendeten Spannung von 380 kV (Kilovolt) betrieben wurden/werden. (Infos zur Umspannanlage Oberzier: https://de.wikipedia.org/wiki/Umspannanlage_Oberzier)

Klar, dass so ein wichtiger Knoten beim Bau und auch im laufenden Betrieb ab und zu schwere Spezialgeräte, insbesondere Großtransformatoren benötigt. Klar auch, dass diese Kolosse bis heute im wesentlichen mit der Eisenbahn transportiert werden. Die Annahme liegt daher nahe, dass schon beim Umbau des Bf Krauthausen Mitte der 1960er das frühere Ladestraßen-Gleis mit Rillenschienen versehen und zum Umladen von Trafos von der Schiene auf die Straße ertüchtigt wurde. Beweise dazu liegen allerdings momentan noch nicht vor.

Der erste Beleg für einen Trafotransport nach Krauthausen findet sich im Buch "Jülich, die alte Eisenbahnerstadt" des EAKJ. Dort wird von einem Trafo berichtet, der 1978 von Neuss (???) über Mönchengladbach – Hochneukirch – Jülich nach Krauthausen gebracht wurde. Im Archiv des EAKJ finden sich die Original-Farbfotos dazu, die wir hier in Kürze einstellen wollen.

(2 FOTOS BF JÜLICH)

Dieser Transport dürfte mit einer Erweiterung der Umspannanlage zu tun haben, welche fällig wurde, als im Oktober 1978 in unmittelbarer Nachbarschaft der erste Schaufelradbagger des neuen Tagebaus Hambach in Betrieb ging. Der Tagebau umfasste von Beginn an diverse Bandstraßen (kilometerlange Förderbänder), über die Kohle bzw. Abraum transportiert wird, und ab 1983 auch gewaltige Anlagen zur Kohleverladung in die neu gebaute Hambachbahn. All dies dient zwar der Stromerzeugung, braucht aber natürlich auch selbst Strom.

Weitere Trafo-Transporte sind belegt für 1991 und 1994:

(FOTOS MIT ETA 17.12.1991 UND DKB-VT 20.9.1994)

Danach fehlen über eine längere Zeit Belege für Trafotransporte, was nicht heißen muss, dass es keine gab. Jedenfalls ging es spätestens ab 2015 wieder sehr lebhaft zu – mit teilweise mehreren Transporten pro Jahr. Hintergrund war hier wohl zunächst der Austausch der in die Jahre gekommenen Trafos der Erbauungszeit, später aber auch die neue Gleichstrom-Trasse "ALEGrO" nach Lixhe bei Lüttich in Belgien. Denn im europäischen Höchstspannungsnetz gab es bislang keine Direktverbindung zwischen Deutschland und Belgien, und mit der neuen Leitung beschritt man dann auch direkt neues Terrain, nämlich Erdkabel mit 320 kV Gleichspannung statt der bislang üblichen Freileitungen über hohe Masten mit 380 kV Wechselspannung. Hierzu benötigte man gleich vier Großtrafos, die alle von Juni bis Dezember 2019 über die Schiene nach Krauthausen gebracht wurden.

Im Sommer 2017 wurde das Umladegleis in Krauthausen von Grund auf saniert, so dass man fast von einem Neubau sprechen könnte.

(FOTOS: 2.+3.+12. Juli: RX-Bagger + Schild "Durchgang gesperrt ab 12. Juni")

(FOTOS 2015-2019)

Einmal indes kam es bei den Transporten zu einem Malheur: Einen der wenigen Engpässe im flachen Ackerland zwischen Düren und Krauthausen stellt die Brücke am Heerweg beim "Real" in Düren dar. Hier müssen die Trafos (je nach Größe) vorm Passieren der Unterführung etwas abgesenkt werden. Offenbar hat man sich dabei am 8. Oktober 2017 frühmorgens kurz vor 3 Uhr im Dunkeln der Nacht irgendwie vertan, jedenfalls schrammte der Trafo von unten ordentlich gegen die Balken der Heerweg-Brücke und nahm etliche Holzsplitter mit, die man später bei Tageslicht in Krauthausen noch gut an der Oberseite des Trafos sehen konnte. Die Bahnstrecke war ca. 2 Tage gesperrt, das THW sicherte die Brücke vorläufig, doch Sachverständige urteilten dann, dass die Sicherheit der Brücke nicht mehr gewährleistet werden könne, so dass sie letztlich abgerissen und durch eine provisorische Konstruktion ersetzt wurde. Diese wiederum wurde im Spätsommer 2019 abgebaut, um Platz zu machen für den Bau der neuen östlichen Umgehungsstraße von Düren, die an dieser Stelle in die B 56 (Düren – Jülich) einmündet. (Im selben Atemzug verschwanden übrigens auch die beiden Brückenköpfe der 1970 stillgelegten Güter-Ringbahn der Dürener Kreisbahn rund um Düren.)

(FOTOS+JN MALHEUR und BRÜCKE)

Abschließend ein Video, das den Transport des ersten der vier ALEGrO-Trafos zwischen Düren, Huchem-Stammeln und Krauthausen in der Nacht von Pfingstmontag 2019 auf den folgenden Dienstag (10./11. Juni) zeigt: https://www.youtube.com/watch?v=V94KPHy7DUE

In der Beschreibung des Videos (unter "MEHR ANSEHEN") sind zahlreiche weitere Infos und Links zu den Trafotransporten nach Niederzier-Krauthausen zu finden.

Die weiteren drei ALEGrO-Trafos wurden angeliefert: - Mitte Juli 2019 (Fotos liegen vor) - Ende November 2019 (Auskunft von Anwohnern) - Mitte Dezember 2019 (Amprion-Newsletter)

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Aktueller Stand: Zwischen dem 9. und 14. August 2020 wurde der rot-weiße Bretterzaun, der monatelang den Entladebereich vom Streckengleis trennte, abgeschraubt und weggebracht. Dies dürfte bedeuten, dass für die nächste Zeit erstmal keine weiteren Trafotransporte vorgesehen sind.